Heidenreichsteiner Textilwaren - GmbH

Mitinitiator der „Heidenreichsteiner Textilwaren - GmbH“ 1983: Erzeugung von Damen- und Herrensocken sowie Kniestrümpfen; Start als Selbstverwaltungsbetrieb mit 10 Beschäftigten, seit einigen Jahren eine Privatfirma mit ca. 20 Beschäftigten.

Adresse
Pertholzerstrasse 12a, 3860 Heidenreichstein

Telefon
02862 / 58 57 0

Fax
02862 / 53 61 7

E-Mail
htw.socken@aon.at

Artikel aus: Lebenszeichen - Initiativen aus dem Waldviertel
Text Peter Sitzwohl, Fotos Dieter Kurzmann; Hsg. Waldviertler Bildungs- und Wirtschaftsinitiative BWI, 1985

Damit was weitergeht. Das ist unser aller Streben.

HEIDENREICHSTEINER TEXTILWAREN (HTW)  3860 Heidenreichstein, Pertholzer Straße 12, Tel. 02862/28 402 Fabriksverkauf: Montag bis Freitag 8 bis 17 Uhr, Samstag 8 bis 11 Uhr Beschäftigt: 16 Personen Produkt: Damen‑ und Herrensocken und ‑kniestrümpfe, reine Schur‑ und Baumwolle; zahlreiche Dessins: einfärbig, modische Muster, Trachtenstrümpfe; waschmaschinenfest oder chemisch unbehandelt; Spitze echt gekettelt; Spitze und Ferse verstärkt; Größen: 81/2 bis 13 (Schuhgröße 36 bis 46) Förderungen: 1 Million Sonderaktion, 2,7 Millionen Sozialministerium, 500.000 Schilling Land NÖ

Wir leisten noch mehr als vorher  in dem Betrieb. Damit was weitergeht.  Das ist unser aller Streben. Daß wir schauen, daß es wirklich weiterrennt. Vorher haben wir auch gearbeitet, fleißig gearbeitet .. Aber da bin ich nach acht Stunden heimgegangen und hab' abgeschaltet. Was halt jetzt nicht ist. Jetzt muß ich weiterdenken: na, wird's wieder, hoffentlich geht's weiter. Das ist halt der Unterschied zwischen einem selbstverwalteten Betrieb und der Firma vorher. (Margarete Dangl, Arbeiterin)

Im Jänner 1984 nimmt ein selbstverwalteter Textilbetrieb mit 10 Beschäftigten die Arbeit in Heidenreichstein auf. Betriebsinhaber sind neun Textilarbeiterinnen und Geschäftsführer Jitschak Passweg, alles ehemalige Mitarbeiter der Firma Amazone, die ihre Betriebsstätte Heidenreichstein zusperren mußte.

Das haben die Arbeiterinnen einfach nicht hingenommen. Sie wußten, daß Produkt und Leistung stimmen. Sie haben daher zur Selbsthilfe gegriffen und einen eigenen Betrieb aufgebaut. (Bernhard Schneider, Arbeitsmarktbetreuer) 

Die Vorgeschichte: Schon Herbst 1983 wurden bei einer Diskussion in Waidhofen/Thaya die unmenschlichen Bedingungen in der Heimarbeit angeprangert. Regionalbetreuer Dr. Anton Rohrmoser ruft eine Heimarbeiter(innen)‑Initiative ins Leben. Einige Zeit später schließt die Firma Amazone in Heidenreichstein ihren Betrieb. Die arbeitslosen Frauen stoßen zu dieser Bewegung. Nächte­- und tagelang wird diskutiert, schließlich einigt man sich darauf, einen eigenen Betrieb zu gründen. Die Durchsetzung der Selbstverwaltungsidee erfordert aber noch viel Kraft ‑ und vor allem den Rückhalt der BWI. Die Arbeiterinnen denken oft ans Aufgeben. Toni Rohrmoser kann sie motivieren, das Projekt weiterzuverfolgen. Er weiß von der Waldviertler Holzwerkstatt her, welcher Energie es bedarf, dem politischen Druck standzuhalten ‑ und weiß auch, daß es sich lohnt.

Auf politischer Seite gibt es nicht nur Ablehnung: Der Waldviertelbeauftragte des Bundes, Josef Leichtfried, und der Landtagsabgeordnete und Bürgermeister von Heidenreichstein, Alfred Haufek, erweisen sich als hilfreich.

Vor Betriebsbeginn führt die BWI für die Beschäftigten einen Kurs zur Vorbereitung auf Selbstverwaltung durch. Noch wichtiger erscheint aber rückblickend...

... daß sich  die Leute vorher kennen. Was bei uns sehr geholfen hat: daß praktisch die Halle desolat war und alle beim Einrichten mitgeholfen haben. Das bindet die Leute schon vom Anfang an zusammen. (Passweg)

Aufträge gab es, obwohl noch gar nicht produziert wurde. Weil der Geschäftsführer in der Branche Vertrauen genoß. Die HTW‑Produkte sind heute auf dem Markt sehr gefragt. Auch weil die Qualität stimmt. Was seinen Grund hat: In einem selbstverwalteten Betrieb arbeiten die Leute mit mehr Engagement als in einem normalen Betrieb.

Eigentümer ist ein Verein, in dem alle Beschäftigten vertreten sind. Jeder einzelne hat nicht nur  200  Stunden ohne Bezahlung gearbeitet, sondern auch noch 10 000 Schilling in die Firma eingebracht.

Ja, als Miteigentümer fühlen wir uns schon. Aber deswegen sind wir auch nicht mehr als vorher. (Dangl)

Die HTW steht gut da: Auftragsstand sehr gut, Bilanz 84 positiv. Wo es Schwierigkeiten gibt: Der Betrieb verfügt über zu wenig Barmittel. Falls einmal größere Zahlungen fällig sind, müssen alle Beschäftigten auf der Bank zur Deckung des höheren Kredits unterschreiben. Das ist bisher zwar nur einmal passiert, dennoch waren die meisten dagegen. Weil sie Angst um ihr sauer verdientes Geld hatten. Bis sie verstanden, daß in der Firma genügend Vermögen vorhanden ist, um die Schulden abzudecken, sollte es einmal krachen.

Wir haben alle zwei Monate eine Sitzung, wo wir erklären, so schaut's mit der Firma aus. Das ist einer  der Hauptvorteile,  dass jeder weiß, wie's  steht. Das kann  er auch jederzeit  erfragen. Wie schaut's finanziell aus, wie schaut's auf der Bank aus. Das  heißt, er steht nicht vor dem Nichts  wie in einer  anderen Firma, wo es eines  Tages heißt: so, und  die Firma muß zusperren.  Er hat  aber gar  keine Ahnung gehabt  (Passweg)

Bei der HTW gibt es kein Abteilungsdenken. Das Zusammenarbeiten wird als positiv erlebt.

Positiv ist, daß wir über alles  reden. Manchmal geht's auch ein  wenig scharf her .. Wenn's um die Löhne geht. Da  müssen wir mehr  diskutieren. Früher  hat's  geheißen, das  ist so und  aus. Jetzt wird halt diskutiert darüber. Im Endeffekt kommen wir  eh wieder zusammen. (Dangl)

Am Beginn wurde ein bestimmtes Gehaltsschema erstellt. Anfang dieses Jahres gab es Lohnerhöhung. Manche, die nach Meinung des Geschäftsführers die Arbeit mehr beansprucht, sollten mehr bekommen.

Natürlich war  der allgemeine Tenor:  wir sind alle Mitglieder, wir müssen alle das Gleiche kriegen, ob jetzt einer  mehr arbeitet oder weniger. Dort liegt  eben das Problem: Daß die meisten dafür  sind, daß  alle das Gleiche  kriegen, jeder aber bei seiner Arbeit bleibt. Er ist nicht  bereit, die  andere Arbeit  zumachen, will aber das Gleiche verdienen. Das haben wir lange ausdiskutiert. (Passweg)

Die Unterschiede  im Lohn wurden schließlich einstimmig angenommen.

Die Entwicklung im Verständnis der Selbstverwaltung läuft unterschiedlich.

Nachdem wir jetzt schon zwei Jahre miteinander arbeiten: etliche von uns haben es verstanden und tun auch wirklich mit ‑ eben als Mitbesitzer. Andere  wiederum haben sich zurückgedrängt‑  am Anfang waren sie Mitbesitzer, haben auch freiwillig mitgeholfen, wo´s gegangen ist.  Aber jetzt haben sie sich automatisch eher in den Arbeiterstandzurückversetzt. (Passweg)

Das Engagement für den eigenen Betrieb ist immer noch groß: Müssen an einem Wochenende Umbauarbeiten durchgeführt werden, damit neue Maschinen Platz finden, helfen sogar die Ehemänner der Arbeiterinnen mit, ohne einen Schilling dafür bezahlt zu bekommen.

Die erfolgreichen Selbstverwalter sehen die Zukunft durchaus optimistisch. Noch heuer sollen ein, zwei Arbeiterinnen aufgenommen werden. Sollte die Nachfrage nach den Qualitätsprodukten aus Heidenreichstein noch weiter steigen, wird die Arbeit an Heimarbeiterinnen vergeben. Heimarbeit im Auftrag der HTW wird aber sozial besser abgesichert und auch bezahlt sein. Womit die ursprüngliche Initiative auch noch zum Tragen käme.

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